Oft genug wird gefordert, wir müssen die Bibel wörtlich nehmen – es so nehmen, wie es da steht. Allerdings so einfach ist das nicht.

„Die Bibeltexte müssen wörtlich genommen werden. Wer die Bibel nicht buchstäblich nimmt, verwässert die Wahrheit. Theologen biegen sich die Texte solange zurecht, bis es für sie passt. Wir müssen die Texte so nehmen, wie sie dastehen!“

Keine Auslegung? Wirklich?
Wenn wörtlich, dann richtig!

„Die Bibel muss wörtlich genommen werden!“

Ich gehöre zu einer Glaubensgemeinschaft, die die Bibel hoch hält. Gerade das Alte Testament hat für uns weiterhin Verbindlichkeit. Allerdings betreffen uns im Neuen Bund alle zeremoniellen und nationalen Gesetze des Alten Bundes nicht mehr. Also z.B. keine Tieropfer mehr, weil Jesus das wahre Sühneopfer ist. Kein Heiligtum mehr, weil unser Heiligtum im Himmel ist. Keine nationalen israelitischen Strafgesetze mehr, weil es keine irdische Nation mehr als Gottesvolk gibt, sondern Gottes Volk nun aus allen Nationen herausgerufen ist und unser Bürgerrecht im Himmel ist.

Es gelten noch die Gesetze, die universell schon vor Mose bestanden haben und die nicht in Jesus ihr Ziel gefunden haben.

Soweit alles klar und einverstanden? Ok, dann gehts weiter!

Keine Verwässerung

Manche wollen sich aber vor einer theologischen Verwässerung und Beliebigkeit des biblischen Wortes abgrenzen. Sie haben das Gefühl Theologen biegen sich alles zurecht und deuten so lange herum, bis es ihnen passt. Deshalb hört man schon mal den Satz: „Wir müssen die Bibel wörtlich nehmen!“.

Meistens ist das nicht so dramatisch, aber manchmal führt es in die Irre. Gerade im Umgang mit Homosexualität wird es spannend. Dort bezieht man sich auf vor allem Texte des Alten Testaments. Die neutestamentlichen Stellen bei Paulus beziehen sich auf die dekadente römische Lustgesellschaft und sind damit wenig aussagekräftig. Also bleibt vor allem das Alte Testament.

3. Mose 20,13 (ELB 2006)

Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, ⟨dann⟩ haben beide einen Gräuel verübt. Sie müssen getötet werden; ihr Blut ist auf ihnen.

So, wie es da steht?

Angenommen, Du sagst, wir lassen jeden historischen und kulturellen Zusammenhang weg. Wir schauen uns auch nicht das Wort „Gräuel“ genauer an, das ein kultischer Begriff ist. Wir lassen auch den Textzusammenhang weg.

Du sagst also, das muss „wörtlich“ genau so genommen werden – so wie es dasteht, dann musst Du auch folgende Textstellen wörtlich nehmen.

Ich hab es Dir einfach gemacht. Ich habe die Bibelstellen mit >www.bibleserver.com< verlinkt, damit Du die Textstellen gleich mal nachschlagen kannst. Und los gehts …

  • Kein Fett von Tieren essen. (3. Mose 3,17; 7,23)
  • Kein Mischgewebe tragen. (3. Mose 19,19)
  • Frauen, die ihre Periode haben, sind kultisch unrein. (3. Mose 15,19) Sie dürfen nicht zum Gottesdienst.
  • Männer mit nächtlichem Samenerguss gelten ebenfalls als unrein und dürften dann ebenfalls nicht zum Gottesdienst. (3.Mose 15,16)
  • Ehebrecher:innen müssen getötet werden. (3. Mose 20,10)
  • Keine Glatze scheren für Personen im priesterlichen Dienst und auch der Bart darf nicht gestutzt werden. Tatoos sind auch so eine Sache. (3. Mose 21,5; 19,27-28)
  • Kein Behinderter darf einen geistlichen priesterlichen Dienst ausführen. (3. Mose 21,16-24)
  • Deine Katze oder Dein Hund dürfen nicht kastriert werden. (3. Mose 22,24)

Gehen wir ins Neue Testament:

  • Sollte Dich Dein Auge zur Sünde verleiten, z.B. weil Du die Nachbar:in begehrst oder Pornos im Internet anschaust, dann musst Du es ausreißen. Deine Hand ist ebenfalls in höchster Gefahr. (Mt 5,29-30)
  • Frauen dürfen nur mit Kopfbedeckung beten. (1. Kor 11,5)
  • Männer dürfen allerdings beim Gebet keine Kopfbedeckung tragen. (1. Kor 11,4)
  • Frauen dürfen nicht lehren – also auch keinen Kindersabbatschule (Kindergottesdienst) leiten. (1. Tim 2,12)
  • Frauen werden durch Kindergebären gerettet. (1. Tim 2,15)
  • Es gibt eine Hölle, in der nicht-erlöste Menschen direkt nach ihrem Tod gequält werden. (Lk 16,22-24)
  • Das Gesetz ist mit Jesus zu Ende. (Röm 10,4) Jesus hat das Gesetz in Geboten beseitigt. (Eph 2,15) Wir sind frei vom Gesetz des Buchstabens. (Röm 7,6)
    [Wenn dem so wäre, hätten sich eigentlich alle alttestamentarischen Texte zum Thema Homosexualität schon mal erledigt. Außerdem müßten sich evangelikale Christen fragen lassen, warum sie auf einmal Gesetze aus dem Alten Testament heranziehen, aber nicht den biblischen Sabbat am Samstag von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang einhalten. Schließlich ist der Sabbat seit der Schöpfung heilig, also weit vor Mose und den Juden.]

Solltest Du bei einem einzigen dieser Beispiele gezuckt haben und Dir der Gedanke gekommen sein, naja so kann das doch nicht gemeint sein, legst Du die Bibel schon nicht mehr „wörtlich“ nach dem Buchstaben aus. Und das ist gut so!

Die Bibel ist ein gewachsenes Buch, in dem uns Menschen ihr Zeugnis von Gott unter der Leitung das Heiligen Geistes geben. Die Texte entstehen in einer bestimmten Kultur und deren Zusammenhang.

Du wirst die Bibel nur fair auslegen, wenn Du auf die Suche gehst, welchen Werte und Grundaussagen die Schreiber durch Gottes Geist aussagen wollten und meinten.

Solltest Du jetzt echt ein Problem haben, weil Du auf einmal merkst, ich verstoße gegen eines der obigen Gebote, dann sprich doch einfach mit Deinem Pastor, er wird Dir hoffentlich helfen können, die Textstellen richtig auszulegen. Denn ohne Auslegung geht es nicht!
Und falls Du es noch nicht weißt: Im Neuen Bund bringen wir keine Menschen um!
Merkst Du etwas? Es geht nicht ohne angemessene verantwortliche theologische Auslegung!

Wie lege ich die Bibel richtig aus?
  • In welche Zeit spricht der biblische Autor hinein und wie ist die zeitgeschichtliche Situation?
  • In welchem Textzusammenhang steht der Bibeltext?
  • Welche Schlüsselworte werden gebraucht und welche vielschichtige Bedeutung haben sie?
  • Was ist die eigentliche Absicht des Schreibers?
  • Was sagt der Text über Menschen und das Wesen Gottes?
  • Welche anderen Bibeltexte sagen ebenfalls etwas zu dem Thema?
  • Wo finde ich Parallelen zum meinem eigenen Leben?
  • Was sagt der Text mir ganz persönlich?

Wenn Du diese Schritte gehst, kann manchmal etwas ganz anderes herauskommen, als es auf den ersten Blick scheint.

Die Bibel ist nach meiner Glaubensüberzeugung die Quelle in der wir Gottes Willen und Wesen entdecken. Wir müssen sie aber fair behandeln. Eine „wörtliche“ Auslegung wird ihrem Charakter nicht gerecht. Denn Gott spricht durch Menschen in ihrer Sprache in Ihre Zeit hinein. Wir entdecken die Werte und Grundprinzipen hinter den Buchstaben und Worten.

Interesse an einem Beispiel?

1. Korinther 14,33–35 (LU)

33 Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.
Wie in allen Gemeinden der Heiligen 34 sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. 35 Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht einer Frau schlecht an, in der Gemeindeversammlung zu reden.

Hier im Schnelldurchgang …

  • Die gesellschaftliche Situation: Antike Männergesellschaft in der die Frauen bewusst ungebildet gehalten wurden und daher auch von biblischen Zusammenhängen und Hintergründen wenig Ahnung hatten. Die Gemeinde wertet Frauen auf und sie wollen mitreden.
  • Paulus geht es um Frieden innerhalb der Gemeinde und darum, Anstoß in der Gesellschaft zu vermeiden.
  • In der jüdischen Synagoge saßen Männer und Frauen getrennt. Offensichtlich ist die christliche Gemeinde extrem fortschrittlich. Was aber auch dazu führt, dass vermeintlich wenig gebildete Frauen viele Fragen stellen und sich damit gewissermaßen blamieren.
  • Paulus will hier eine Ordnung herstellen, die den gesellschaftlichen Gebräuchen entspricht und schützt die Frauen durch seinen Rat.

Ein verblüffendes Ergebnis …

„Und wir geben in keiner Sache irgendeinen Anstoß, damit der Dienst nicht verlästert wird,“ 2. Korinther 6,3 (ELB 2006)

Wenn Paulus die Idee hat, möglichst jeden gesellschaftlichen Anstoß zu vermeiden, dann hieße das in unserer modernen westlichen Gesellschaft:

„Richtet Euch nach den üblichen Gebräuchen in Eurer Gesellschaft. Wenn Ihr Frauen den Mund verbietet, bringt Ihr die Gemeinde in Verruf. Vermeidet den Anstoß in der westlichen Gesellschaft und diskriminiert nicht die Frauen. Frauen und Männer müssen in der westlichen Kultur zur Förderung des Evangeliums gleich gestellt werden.“

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